Der präzise Gefühlsmechaniker

KulturMagazin Luzern – Handwerk: Das Blashaus in Zug ist eine einmalige Fachwerkstatt für Holz- und Blechblasinstrumente. Hier werden seit 25 Jahren Hörner überholt, repariert oder mit Spezialwünschen ausgestattet.

Hinter dem Verkaufsraum öffnet sich die Tür zur Werkstatt. Es ist still und konzentriert, ab und zu scheppert leise eine klappe oder surrt ein Bohrer. Hier wird von der vierköpfigen Crew Präzisionsarbeit gemacht, sozusagen feinste chirurgische Eingriffe an Holz- und Blechblasinstrumenten. «Wir arbeiten oft im Hundertstel-Millimeter-Bereich. Zum Beispiel hier bei der Ausmessung dieses Innenraums», sagt Geschäftsinhaber Martin Suter und zeigt auf das metallene Mundstück eines B-Horns, das in ein Konturmessgerät eingespannt ist. Mit diesem Gerät können Formen digitalisiert eingelesen und in einem CAD-Programm visualisiert und weiterverarbeitet werden. Mit den eruierten Daten lässt sich die Drehmaschine steuern und es lassen sich Korrekturen vornehmen. Die Messmethode wurde eigens vom BLASHAUS entwickelt. Hier entstehen die klanglichen Eigenschaften des Instruments, und das braucht nebst dem mechanischen wissen viel Einfühlungsvermögen. «Ich muss das Instrument verstehen und begreifen, nur dann lässt sich das Optimum herausholen. Dazu braucht es mehr als ein gutes Ohr und Kenntnisse der Funktionalität. Das ist wie bei Musikern: eine gute Technik allein macht noch keinen guten Sound. In diesem Sinn bin ich ein ‹Gefühlsmechaniker›, es geht um den Flow des Instruments.» Die Hörner, die bei einer Reparatur durch Martin Suters Hand gegangen oder mit einer Spezialanfertigung von ihm ausgerüstet sind, tragen denn auch seine Handschrift. Und wer sie liebt, bleibt dem BLASHAUS treu. «Im Spitzensport bleibt man auch bei seinem Materialchef, weil der die ganz spezifischen und individuellen Bedürfnisse kennt und weil man ihm vertraut.» Musiker aus der Schweiz und aus ganz Europa vertrauen ihre Instrumente dem BLASHAUS an: in der Jazzszene hat sich längst herumgesprochen, dass hier einer mit viel Leidenschaft, Energie und Fachwissen am Werk ist. Da kommt es auch mal vor, dass Musiker – wie der verstorbene Michael Brecker vor einem Gig in Zürich – anrufen. «Brecker hatte ein Problem mit dem Tenorsaxofon. Ich stand gerade unter der dusche, aber für so etwas lasse ich mich natürlich nicht zweimal bitten und ich bin sofort nach Zürich gefahren», lacht Suter, der während seiner 25-jährigen Laufbahn als Instrumentenmechaniker so einige Anekdoten auf Lager hat. So tauchte einmal Anthony Braxton mit einem zerdepperten Koffer im Blashaus auf, darin eine fast ebenso zerdepperte Bassklarinette: Sie hatte die Reise aus den USA mehr schlecht als recht überstanden. Das Blashaus konnte ihm für seine Auftritte am Jazzfestival Willisau einen adäquaten Ersatz bieten und unterdessen sein Instrument wieder reparieren.

An Innovationen tüfteln und experimentieren
Der technisch begeisterte Martin Suter nahm als 14-Jähriger Klarinetten-Unterricht bei Ernesto Molinari. Dieser vermittelte ihm später eine Lehrstelle beim Musikhaus Lohri. «Für eine musikalische Ausbildung fehlte mir schlicht die Hartnäckigkeit zum Üben. Ganz anders in der Werkstatt: hier tüftelte und experimentierte ich stundenlang. Das ist bis heute so geblieben.» Zusammen mit einem Kollektiv gründete er in Luzern das BLASHAUS: ein Kompetenzzentrum nur für Saxofone, in der auch es auch Platz für Experimente und Ideen geben sollte. «Meine Indianernase sagte mir nach ein paar Jahren, dass sich der Wind drehen würde: in den 80er-Jahren gab es einen extremen Sax-Boom. Wenn der abflachen würde, wäre eine Werkstatt in einer so begrenzten Nische dem Untergang geweiht. Ich entschied mich, in eine eigene Werkstatt zu investieren und das Spektrum zu erweitern: Bis auf Rohrblatt-Instrumente wird seither bei uns jedes Horn betreut, von der Trompete über den Büchel bis hin zur Kontrabassklarinette.» Bewährt hat sich auch der Standort nahe beim Bahnhof Zug: zentral gelegen, auch für die Luzerner Stammkunden weiterhin gut erreichbar und weit und breit das einzige Musikfachgeschäft. So bringen nebst den Profis auch die Leute aus der Umgebung ihre Instrumente vorbei, um hier ein Pölsterchen ersetzen und da eine Klappe richten zu lassen.

Unspielbares ermöglichen
Die grosse Motivation für Martin Suter und seine Crew ist es jedoch, noch weitere Innovationen zu entwickeln und für knifflige Bedürfnisse Lösungen zu finden. So wird beispielsweise im Moment eine Bassklarinette mit winzigen Sensoren unter jeder Klappe ausgerüstet. Diese übertragen die Töne auf ein Pianokeyboard und speisen so die Notation direkt im Computer ein. «Damit können ureigene und schwer nachvollziehbare Kompositionen aufgeschrieben und festgehalten werden, die bisher als ‹unspielbar› galten und schnell mal verloren gingen», erklärt Suter und verweist darauf, dass das aussergewöhnliche Verfahren in Zusammenarbeit mit dem ICST (Institut der Hochschule Zürich) auch als Forschungsprojekt lanciert ist. «Die Digitalisierung ermöglicht auch bei diesem uralten Beruf fantastische Möglichkeiten. Wenn diese dem Klang dienen, setzen wir auf Innovation. Andernfalls bleiben wir bei den altbewährten Handwerkstechniken.» Martin Suter ist auch Prüfungsexperte beim Bildungszentrum Arenenberg, einer Ausbildungsstätte für Musikinstrumentenbau. Stolz ist das BLASHAUS insbesondere auch auf den speziellen Bassklarinettenbogen, den sie entwickelt haben und der mittlerweile von Matthias Müller, Lucien Dubuis, Claudio Putin und vielen anderen Musikern verwendet wird. Eine weitere grosse Leidenschaft gehört allen Marken der Vintage-Saxofone, die das BLASHAUS handelt und überholt. Besonders schön: im Film «Kansas City» spielt James Carter, der Lieblingsmusiker von Martin Suter, den Soundtrack mit dem Blashaus-Saxofon Black Pearl.

Von Christine Weber, Bilder Marco Sieber (www.wortundohr.ch)

Das Blashaus in Zug feiert diesen Sommer sein 25-Jahre-Jubiläum mit verschiedenen Aktivitäten.
Weitere Infos zum Forschungsprojekt ICST «SABRe» unter www.icst.net und zu den seltener gewordenen Berufen von Instrumentenbauern beim Verband IGMIB unter www.musikinstrumentenbauer.ch.

2010 – Wir präsentieren:
BLASHAUS Converted Conn Chu Berry "Black Pearl II"

Fast 20 Jahre nach dem legendären ersten BLASHAUS Converted Conn Chu Berry Black Pearl greift DAS BLASHAUS die Idee noch einmal auf:
Die Fusion von wunderbarem Vintage-Sound mit perfektem Handling

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Forschung und Innovation:
BLASHAUS als Praxispartner der Zürcher Hochschule der Künste

Sensor Augmented Bass clarinet Research

DAS BLASHAUS ist als Praxispartner in das Projekt SABRe (Sensor Augmented Bass clarinet Research) des Institute for Computer Music and Sound Technology (ICST) involviert.

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Öffnungszeiten


Di, Mi und Fr
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